Professor Oliver Stoll aus Leipzig gehört zu den bekanntesten deutschen Sportpsychologen. Außerdem ist der 52-jährige ein passionierter Ausdauersportler und absolvierte unter anderem im Sommer 2014 die legendären „100 Kilometer von OliverStoll2Biel“. Mit diesem Lauf-Klassiker ist auch die Idee entstanden, ein Buch zu schreiben, das jetzt erschienen ist: „Einmal war in Biel – Eine Liebeserklärung an das Laufen, die Liebe und das Leben“. Darin versucht Oliver eine direkte Verbindung zwischen seiner Wissenschaftsdisziplin, der Sportpsychologie und dem sportlichen Alltag hunderttausender Freizeitsportler herzustellen. Wir haben uns mit Oliver, der auch schon mit einem Vortrag bei der LG Mauerweg Berlin e.V. zu Gast war, über das neue Buch und natürlich auch über den Mauerweglauf unterhalten.

Oliver, Du hast ja schon einige Bücher geschrieben. Warum nun ausgerechnet diese „Liebeserklärung an das Laufen“? 

Bis jetzt habe ich ja nur Fach- und Lehrbücher geschrieben, also Bücher mit mehr oder weniger „akademischer Ausrichtung“. Mit dem Projekt „Einmal war ich in Biel“ wollten Frauke und ich, zusammen mit Mathias Liebing, dem Herausgeber, einmal etwas ganz neues ausprobieren. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist, aber es ist der Versuch, sportpsychologisches „Know-How“ auf eine nicht-akademische Art und Weise, sondern viel mehr an einem konkreten Einzelfalls, nämlich meinem eigenen Läuferleben deutlich zu machen. Hinzu kommt dann noch Fraukes Sichtweise auf mich und mein Handeln. Und darüber hinaus bietet diese Publikationsform (Online – eingebettet in eine eigene Homepage) auch noch viele Vorteile. Die Inhalte sind „dynamisch“, auch wenn der Kerntext so bleibt wie er ist. Aber die Zusatzmaterialien können jederzeit verändert und erweitert werden. Abschließend ist dieses Buch natürlich eine Hommage an meine große Leidenschaft dem Laufen und an Werner Sonntag, der mich sehr inspiriert hat.

Welchen Nutzwert hat der ambitionierte Freizeitsportler, wenn er Dein Buch liest?

Das kann wohl nur derjenige entscheiden, der es liest. Natürlich könnte ich mir vorstellen, dass ein ambitionierter Freizeitsportler wirklich von meinen Erfahrungen in Biel (und auch mit meinem Leben vorher) „lernen“ kann. Das Buch soll jedoch nicht nur zum „Konsumieren“ anregen, sondern auch zum Reflektieren. Ein weiterer Nutzwert sind natürlich die ganz konkreten Tipps, die ich dort, vor allen Dingen in den Zusatzmaterialien dargestellt habe, also z.B., wie habe ich trainiert, was hatte ich auf der Strecke mit, welche eigenen, mentalen Tricks habe ich selbst genutzt, um mit den zwangsläufig auftretenden Schmerzen umzugehen und wie man ganz konkret die soziale Unterstützung eines Partners bzw. einer Partnerin in eine solche Projektumsetzung einbinden kann.

Der Mauerweglauf steht kurz bevor. Gibt es einen ganz besonderen Tipp, den ein Sportpsychologe den Teilnehmern mit auf den Weg geben kann?

Ja, – 1.) sich mit der Strecke beschäftigen hilft mir. Man kann sich eine Art mentales Drehbuch erarbeiten, das einem dann – mental trainiert im Vorfeld des Rennens – helfen kann, die eigenen Gedanken zu systematisieren und zu strukturieren, wenn es wirklich hart wird. 2.) Hilfreich ist auch immer, mit der nötigen Portion Gelassenheit an den Start zu gehen. 160 km sind ein weiter Weg. Das kann schon mal „erschrecken“, wenn man sich das versucht „in einem Stück“ vorzustellen. Man könnte sich also die Gesamtstrecke in Teilstrecken aufteilen, die man dann immer Stück für Stück abarbeitet. 3.) Vergesst nicht die Kraft der sozialen Unterstützung. Man kann sich ja Freunde und Familienmitglieder mit nach Berlin holen, die man dann an strategisch wichtigen Stellen der Strecke treffen kann.

Dieses Gefühl „ich will nicht mehr“ oder die berühmte Frage nach dem Sinn des Ganzen ist jedem schon mal auf so einer langen Strecke begegnet. Was entgegnet der Sportpsychologe derlei Negativ-Gedanken? 

Darüber kann man auch in dem Buch lesen. Erschöpfung und Schmerzen werden auf alle Fälle irgendwann kommen. Dann ist wichtig, dass man die richtigen Gedanken, in Form von „Selbstgesprächen“ parat hat. So etwas kann man auch im Vorfeld des Rennens entwickeln und trainieren, z.B. im Rahmen von langen Trainingsläufen, in denen diese Erfahrungen ansatzweise auftreten.

Selbst auch mal daran gedacht, nach den 100 Kilometern von Biel mal die 100Meilen von Berlin unter die Füße zu nehmen?  

:-). Im Biel-Buch bin ich da ja sehr klar – und sage, nein, wahrscheinlich nicht noch einmal eine solch lange Strecke. Aber Du weißt ja, wie das so ist. Im Ziel sagt man erst mal „Nie wieder“, zwei Wochen später „na ja, vielleicht“ und einen Monat später sucht sich ein Leidenschaftsläufer schon wieder die nächste Herausforderung. Im Moment habe ich nicht die Form und die Zeit für so etwas, aber ich will es mal nicht ausschließen. Der Mauerweglauf ist zweifelsohne eine nicht nur sportliche Herausforderung, sondern hat ja für uns Deutsche“ eine kulturelle und historische Dimension. Diesbezüglich bleibt dieser Lauf auf alle Fälle in meinem Hinterkopf.

OliverStoll1